Carolina 14
Mama's Geschichten: "In Gummistiefeln um die Welt"

Liebes Carolinchen!

Ich habe heute (Samstag, 17. September) fast den ganzen Tag daran gearbeitet,
die Texte von Mama (bisher 14) in Dateien meines Textverarbeitungsprogramms
umzuwandeln.  Ich bin jetzt damit fertig - war mühsam!
Ich finde die Geschichten von Mama so gut, dass ich damit etwas vorhabe.
Sie haben nach meiner Meinung "literarische Qualität"!

Ich hätte jedoch noch gerne einige dazu - etwa 6, dann wären es 20.
Die bisherigen 14 Texte sind alle im Internet.

Unten der letzte Text (vorgelesen von Mama auf meinem Geburstag).
Ich habe diesen Text vom Kuchenbacken "ins Reine" geschrieben.

Morgen geht Oma mit mir zum KLassentreffen hier in Xanten
(Abitur 1953 in Geldern - also vor 58 Jahren!)

Grüße!
Oma und Opa

"Wer will guten Kuchen backen ..."

Trotz zerschundener Knie und hartnäckig eiternder Wunden an Wade und Oberschenkel waren wir Kinder doch allesamt mit einer robusten Gesundheit gesegnet.
Und mit einem ebenso guten Appetit!
Noch heute findet sich keine befriedigende Antwort auf die Frage, wo sich denn nur der ganze Vorrat an Lebensmitteln verbarg, den es doch geben musste, um sechs Kinder tagtäglich ausreichend zu beköstigen. Nur so viel war sicher: Die kleine schmale Küche schied auf jeden Fall aus, denn hier wurde allein schon jeder Zentimeter gebraucht für das Schälen, Schneiden und Schmoren des täglichen Essens. 

Zu unserer Verpflegung gehörte in der Hauptsache das Butterbrot. Der Tag begann mit mindestens einem und endete mit vielen mit Rübenkraut bestrichenen Broten. Es lässt sich nur vage vermuten, wo wie viele Brote und wo seltsamerweise das Kraut gestapelt aufbewahrt wurden. Bis heute gibt es darüber keine sichere Erkenntnis. Sicher ist aber, dass die Milch in Glasflaschen  täglich frisch vom hiesigen Milchlieferanten abgefüllt wurde. Über die genaue Anzahl der verköstigten Menge herrscht nach wie vor Unklarheit. Aber wofür die Milch unter anderem auch verwendet wurde, gibt es lebhafte Erinnerungen. Neben einer mehr schaurigen Erinnerung an eine abendliche Milch- und Brockepapp schmeckten Haferflocken in Milch und Zucker doch schon besser. Bei unserem großen Bewegungs- und Tatendrang waren wir natürlich so gut wie immer hungrig. 

Zufällig stand direkt neben der Küchentür auf der Fensterbank eine viereckige grün schimmernde Blechdose. Im Grunde ein eher unscheinbarer und zudem noch mit spitzen Ecken versehener Gegenstand, aber mit einem Inhalt von unschätzbarem Wert. Mit aufeinander geschichteten Butterkeksen war sie stets befüllt. Und auch hier läßt sich nur vermuten, dass ein schier unendlicher Vorrat irgendwo an einem geheimen Ort  auf seine Bestimmung wartete. Wir ließen und davon jedoch nicht beirren, denn schließlich gab es nichts Schöneres, als auf der Schaukel zu sitzen und im wohligen Hin und Her die Kekse zu genießen. 

Doch irgendwann stieß auch die beste Vorratshaltung an ihre Grenzen, wenn es hieß, täglich und ausreichend mindestens sechs Kinder mit Butterkeksen zu versorgen. Dieser Umstand versetzte uns in die glückliche Lage, uns fortan Tag für Tag auf einen frisch gebackenen Kuchen freuen zu können. Die Kuchen wurde nie gezählt, aber es lässt sich unschwer erahnen, dass es sich um zighundert handeln muss. 

Die entsprechende Anzahl an benötigten Eiern tendiert dabei in Richtung unendlich, und die Beschaffung dieser entscheidenden Backzutat war uns Kindern zugeteilt. Ausgestattet mit einer nur für diesen Zweck bestimmten Tasche machten wir uns auf den Weg. Zuerst stiegen wir über den kniehohen Gartenzaun und danach die mit Moos bewachsenen Steinstufen hinab. Jetzt liefen wir duch den Garten, vorbei an hochrankenden Bohnengewächsen, Beerensträuchern und Obstbäumen. Zum Schluss noch mit leisen Schritten am Hühnerstall vorbei und schließlich durch das offenstehende Tor über die dunkle Dääl in die Küche. Dort warte auch schon Tante Paula, stets mit einer langen Schürze und einem Kopftuch gekleidet, lächelnd auf uns. Sie hob einen Korb mit frischen Eiern auf den Küchentisch und daneben legte sie Zeitungspapier. Nun konnte die Zeremonie beginnen. Mit äußerster Vorsicht legte sie ein Ei nach dem anderen auf das Zeitungspapier. Nachdem fünf Eier gleichmäßig in einer Reihe lagen, wurden sie mit sanfter Hand in das Papier eingeschlagen; dann wurden schließlich die seitlichen Überstände nach innen gefaltet. So legte Tante Paula behutsam eine Lage nach der anderen in die Tasche. Während dieser Zeit wanderte unser Blick oftmals zum Küchenschrank, und endlich ging auch Tante Paula auf ihn zu. Sie öffnet eine der vielen Schubladen und nahm eine kleine Stange Schokoladenbonbons heraus. Mit dieser und der Tasche in der Hand liefen wir langsam und behutsam nach Hause.
 

 
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