Carolina 24
Anfang von Opa's Geschichte: "1945 - Krieg"
Und einige Fotos!
  28. September 2011, 10.00  Uhr

Liebes Carolinchen!
Auch Opa hat - vor vielen Jahren - damit begonnen (wie heute eure Mama),
eine Geschichte zu schreiben:
"1945 - Krieg"

Für dich heute hier nachfolgend den Anfang der Erzählung, den ich gerade in meinem
Computer-Archiv gefunden habe.

1945 - Krieg
Hendrik umklammert mit dem linken Arm den Stamm; mit der rechten Hand greift er nach dem Ast über seinem Kopf. Kleine dürre Zweige brechen ab, ein Stück bleibt in seinem rotbraunen kurzgeschnittenen Haar hängen. Der Ast hat keine Rinde mehr, er ist abgestorben. Vorsichtig und dann immer kräftiger zieht er. Ob er halten wird? Er ist die nächste Sprosse, auf die er steigen muß, um in die Spitze des Birnbaumes zu kommen. Nur nicht den Stamm loslassen! Hendrik hat sich Holzschuhe und Strümpfe ausgezogen; mit nackten Füßen hat er besseren Halt.

Schon oft ist er in diesen Baum geklettert, doch noch nie hat er auf diesem Ast über ihm gestanden. 

Zuerst hatte er nicht einmal die Leiter verlassen, die er gegen den Stamm stellt. Die Leiter reicht gerade bis zu der Stelle, wo drei dicke Äste seitlich aus dem Stamm herauswachsen. Erst als sein Vater ihm bei der letzten halbvollen Karre Rüben die Leinen überlassen hatte und er Hektor vom Feld nach Hause hatte lenken dürfen, wagte er sich von der letzten Leitersprosse in die erste Astgabelung. Mit beiden Armen greift er um den Stamm und preßt sich an die rauhe Rinde. Er merkte nicht, daß etwas die Haut am linken Knie aufritzt und Blut auf das Grün eines Blattes fällt. Er fühlt ein leichtes Zittern in den Knien. Wäre er doch auf der Leiter geblieben! Angst überkommt ihn. Er denkt an den Tag, als er zum ersten Mal in der Schulbank saß; auch damals wünschte er sich, zuhause in der Küche zu sitzen.

Hendrik hält die Augen eine zeitlang geschlossen. Als er unter sich das Blöken der Schafe hört, schaut er nach unten. Bis zur Leiter ist es etwa ein halber Meter. Er lockert der Griff um den Stamm, streckt sein linkes Bein zur Leiter hin und berührt sie vorsichtig mit den Zehen. Nun trit er mit dem Fuß auf die oberste Sprosse auf und läßt sein ganzes Gewicht nach unten sinken. Beide Füße stehen jetzt fest auf der Leiter; er hört, wie hoch oben im Gipfel des Birnbaumes ein Buchfink sein Lied schmettert. Als er wieder unten im Gras steht, schaute er nach oben zu der Stelle, zu der er sich vorgewagt hat. Sie kommt ihm gar nicht hoch vor.

Am nächsten Tag hockt er wieder in dieser ersten Astgabelung; wieder umklammert er mit beiden Armen den Stamm. Hoch oben hört er wieder den Buchfink singen. Zwischen ihm und der Stelle, wo die nächsten beiden dickeren Äste aus dem Stamm wachsen, sind wie Leitersprossen drei etwa armdicke Zweige. Er lockert den rechten Arm, greift den ersten Zweig über seinem Kopf, stemmt die nackten Füße gegen den Stamm und krallt seine Finger um den nächsten Zweig. Er zögert. Er denkt daran, was sein Bruder Frederik gesagt hat: "Herunter ist schwieriger als hinauf!" Frederik hat im vorigen Herbst das Seil oben in der Pappel festgebunden, als diese gefällt werden mußte.

Hendrik klemmt seine Füße zwischen Stamm und Ast. Er denkt an eine Erzählung, die er in dem Buch "Große Entdecker" gelesen hat. War vor ihm schon einer an dieser Stelle gewesen? Er ist sich nicht sicher, ob sein Bruder  Frederik  auch schon in diesen Baum geklettert ist.

Er fühlt ein leichtes Schwanken des Stammes. Aber es ist doch kaum Wind! Die Zweige sind hier dichter und durch die Blätter kann er nur links das rote Dach der Scheune sehen. Er fühlt sich sicherer als gestern; er hat nicht mehr diese Angst. Er weiß, daß die dünnen Zweige ihm keinen Halt geben können, aber es ist ihm, als wenn ihn die undurchsichtige Blätterwand schützend umgeben würde. 

Er hört über sich den Buchfink. Die Blätter bewegen sich ein wenig; er glaubt, das bunte Gefieder des Vogels für einen Augenblick gesehen zu haben. Der Buchfink wird gewiss wegfliegen, wenn er höher hinauf klettert.

Doch er wagt sich heute noch nicht in die dritte Astgabelung. Er sieht, daß die Rinde des abgehenden Astes an der Oberseite mit Moos bewachsen ist; hier hat noch nie der Fuß eines Menschen gestanden. So etwas wie Stolz überkommt ihn. Das sollen die ihm erst einmal nachmachen! Die, die ihn gestern auf dem Schulhof gehänselt haben, als er ihnen sagte, er dürfe nicht mit in die Rheinwiesen, wo am Tag vorher fast genau um zwölf Uhr ein englisches Flugzeug eine Bombe abgeworfen hatte. 
"Muttersöhnchen!", hatten sie gesagt. 
Bis zur halben Höhe ist ihm der Weg in den Baum jetzt schon vertraut. Er weiß genau, wo er greifen muß und wo seine nackten Füße nicht abgleiten können. Sicher und schnell hat er die zweite Astgabelung erreicht. Hier oben sind Stamm und Äste nicht mehr so dick. Schon heute morgen in der Schule, als sie im Atlas die Normandie suchen sollten, wo amerikanische und englische Soldaten in der vorigen Woche mit vielen Schiffen gelandet waren, hatte er sich vorgenommen, heute in seinem Baum weiter nach oben zu klettern. Es gelingt ihm mit weniger Mühe als an den Tagen vorher. Er hat den Eindruck, als wenn der Buchfink sein Lied heute lauter und anders singt. Freut er sich mit ihm oder ist es eine Warnung, nicht weiter in sein Revier vorzudringen?

Jetzt hat er mit seiner rechten Hand den trockenen Ast gegriffen. Er darf nicht brechen! Dann wäre es ihm nicht möglich, höher in die Spitze des Birnbaumes zu klettern. Gemeinsam mit seinem Bruder Frederik würde es vielleicht doch gelingen. Frederik weiß immer Rat. Aber den würde er nicht darum bitten. Er faßt den Ast ganz kurz am Stamm. Auch darf er seinen Fuß nur dorthin stellen. Er zieht immer stärker; der Ast gibt nicht nach. Er weiß, daß trockenes Holz sich nicht biegt, daß es plötzlich wie Glas zerspringen kann. Als er seine Füße schon auf die glatte Oberfläche geschoben hat, hängt er mehr als daß er steht. Er zieht und schiebt sich noch etwa zwei Meter höher. Hier sind die Zweige dünner. Noch weiter? Heute nicht! Vielleicht in den nächsten Tagen! Der Buchfink hat ihn wohl nicht bemerkt, das Blätterdach ist sehr dicht. Aber seitlich nach Westen hin lassen die Zweige ein Fenster.

Er sieht über das Dach des Schuppens hinweg die Mühle, dahinter die Lastwagen auf der Straße und weiter weg den Wald. Hinter diesem Wald sei die Front. So hatte Vater gesagt. Hendrik schaut angestrengt zum Wald hinüber. Aber er kann von der Front nichts sehen. Vielleicht liegt das auch an der untergehenden Sonne, die rot und groß hinter der Pappelreihe an der Ley steht.

Aber auch am folgenden Tag, als er sofort nach dem Mittagessen in seinem Ausguck sitzt, kann er die Front nicht sehen. Wie sieht die Front überhaupt aus.

"Junge, ich weiß es nicht! Sei still! Sprich nicht davon! Wäre nur schon alles vorbei!" Mutter kippt die beiden Weißbrote aus den blechernen Formen. Ein Weißbrot bringt sie in den Keller. In das andere kratzt sie mit dem Messer ein Kreuz und schneidet fünf Scheiben ab. Hendrik nimmt sich die erste Scheibe mit der Kruste; sie ist noch warm.

"Noch nicht das Licht einschalten! Das Fenster ist noch nicht verdunkelt!"

Hendrik klettert auf die Lehne der Bank, schiebt die Gardine zur Seite und klemmt die zwei mit schwarzem Papier bespannten Holzrahmen in die Fensteröffung. 

Mutter hat den Abendtisch gedeckt. Hendrik und Frederik sitzen auf der Bank, die vor der Küchenfenster steht, Lena hilft Mutter, Hanna bringt ihre Puppe zu Bett. Man hört, wie Vater die Türe zwischen Wohnung und Stallungen schließt. Bevor er in die Küche tritt, stellt er die Holzschule seitlich an die Flurwand.

"Ich weiß nicht! Nachdem ich den Kühen das Heu gegeben hatte, habe ich mich auf die Bank unter dem Apfelbaum gesetzt. Es war mir, als hörte ich wie gestern Abend ein Rumoren, das von Wald herüber kam. Und ich meine, es war heute besser zu hören als gestern. Manchmal war es wie ein Poltern. Hin und wieder blitzte es auch. Ich glaube nicht, daß es Wetterleuchten war."

"Ist das die Front?" fragt Hendrik. In seiner Stimme ist ein ängstliches Zittern.

Frederik springt von der Bank: "Das muß ich hören!" 

Doch Mutter versperrt ihm den Weg zur Tür: "Bleib hier! Laßt uns beten! Hilf, Maria, es ist Zeit, hilf ...!"

"Kinder zu Bett! Aber macht kein Licht!"

Vorsichtig öffnet Frederik den Riegel am Fenster. "Was tust du?" Hendrik richtet sich im Bett auf; er war schon eingeschlafen.

"Sprich nicht so laut! Ich will die Front hören!"

Nun hören sie es beide ganz deutlich. Keiner sagt ein Wort. Es ist ein andauerndes Grollen, dann und wann durchbrochen von einem etwas lauteren Knallen und Rattern. Und genau zwischen den Flügeln der Windmühle leuchtet in Abständen ein Feuerschein auf.

Frederik schiebt leise wieder den Riegel vor. Hendrik spürt, daß auch Frederik nicht schlafen kann: "Schießen die auch auf Kinder? Bestimmt nicht auf Mädchen! Mädchen können nicht Soldat werden. Möchstest du Soldat sein?"

"Unser Fähnleinführer hat gesagt, wer Angst habe, Soldat zu werden, sei kein richtiger Junge. Auch der Lehrer hat das gesagt. Das weißt du doch!"

"Und du weißt, daß Mutter gesagt hat, das sei dummes Zeug. Sie begreife nicht, wie der Lehrer, der doch studiert habe, so etwas sagen könne. Das habe auch der Pastor gesagt. Wir seien noch Kinder!"

"Ach, Mutter, die versteht das alles nicht! Sie kann auch nicht anders denken! Wie die früher erzogen worden sind! Und früher war auch eine andere Zeit!"

Hendrik zieht die Bettdecke bis ans Kinn. Er fühlt eine wohlige Wärme in seinem Körper. Zwischen ihrem Schlafzimmer und der Küche liegt der breite Flur. Doch hört er, wie Vater und Mutter sich unterhalten. Er hört, wie die Kühe mit den Ketten rasseln. Über dem Zimmer ist der Söller. Auch heute abend ist dort wie immer dieses Rascheln. In der Dunkelheit hört man die Geräusche besser. 
Hendrik und Frederik liegen zusammen in einem Bett. Hendrik spürt, daß sein Bruder eingeschlafen ist; er liegt noch lange wach.

"Ich wäre bestimmt kein guter Soldat! Ich hätte Angst! Warum ist Frederik anders als ich. Er ist doch mein Bruder! Hat er wirklich keine Angst! Es kann sein, denn schon oft hat Frederik sich mit Jungen geschlagen, die fast einen Kopf größer sind als er. Und jedesmal hat er danach blaue Flecken und blutende Stellen. Jedesmal hat Mutter geschimpft und oft gesagt: Hendrik tut sowas nicht!" 

Hendrik hört das nicht gerne. Er weiß nicht, ob er darauf stolz sein sollte. Eigentlich schämt er sich. Und erst recht ist es ihm unangenehm, wenn Frederik sich seinetwegen geschlagen hat. Auf dem Schulhof bleibt er immer in der Nähe von Frederik. Mit Frederik lassen sie sich nicht so schnell ein, und schon gar nicht einer alleine.

Heute am Samstag ist kein Schulunterricht; es findet das jährliche Sportfest statt. Die meisten Jungen und Mädchen gehen auch an diesem Samstag wie jeden Morgen zur Messe in die Kirche neben der Schule. Dann treffen sie sich auf dem Platz vor der Schule mit den übrigen Kinder, die nicht in der Kirche waren. Direkt neben dem Kastanienbaum steht die Fahnenstange; die Hakenkreuzfahne flattert oben schon. Alle wissen, was sie zu tun haben. Sie bilden eine großen Kreis um die Fahne; in der Mitte neben der Fahne steht der Lehrer.

"Heute singen wir nach den vier Strophen des Deutschlandliedes auch noch die erste Strophe des Liedes, das wir in dieser Woche gelernt haben. Paul, sag für alle noch einmal des Text auf!"

            "Siehst du im Osten das Morgenrot,
            ein Zeichen zur Freiheit, zur Sonne!
            Wir halten zusammen, ob Leben, ob Tod,
            mag kommen, was immer das wolle!
            Warum jetzt noch zweifeln, hört auf mit dem Hadern,
            noch fließt uns deutsches Blut in den Adern!
            Volk an's Gewehr!
            Volk an's Gewehr!"

Der Lehrer läßt jetzt in vier Gruppen aufteilen. Das fünfte und sechste Schuljahr bilden die Gruppe drei; in dieser Gruppe ist Hendrik. Für jede Gruppe bestimmt der Lehrer einen Jungen aus dem achten Schuljahr als Führer. Frederik ist auch darunter, er führt die Gruppe eins. In Zweierreihen marschieren sie zum Sportplatz. Dabei singen sie das Lied, in dem es heißt: "   Die Fahne ist mehr als Gerechtigkeit, ja die Fahne ist mehr als der Tod!"

Frederik erhält wie immer eine Ehrenurkunde; er ist der Zweitbeste der ganzen Schule. Hendrik bekommt eine Siegerurkunde; es ist die erste für ihn. Mutter ist sehr stolz auf ihre Jungen.

"Was bedeutet diese Zahl?"

"Das sind die Punkte", sagt Frederik. "Hendrik hat nur so eben die nötigen Punkte geschafft. Hätte er einen Punkt weniger gehabt, hätte er nichts bekommen!"

Hendrik steigt die Treppe zum Söller hinauf. Hier oben müßte noch ein Holzrahmen liegen. Im Laden der Bäckerei, wo Hendrik jeden Samstag das Schwarzbrot holen muß, hängt an der Wand in einem goldenen Rahmen der Meisterbrief. Ungefähr am Ende der ersten Schuljahres hatte er versucht, zu lesen, was dort in großen roten Buchstaben geschrieben stand.

"Was will Vater denn mit der Handkarre? Und was soll mein Fahrrad dabei?" Frederik erkennt sein Fahrrad an den roten Schutzblechen; Hendrik hat seine Schutzbleche grün gestrichen. Von der Küche aus kann man durch das offene Tor des Hinterhauses nach draußen sehen. Dort ist Vater dabei, den Griff der Handkarre mit einem Hanfseil, mit dem man sonst die Kühe im Stall anbindet, unterhalb des Fahrradsattels zu befestigen.

"Hör mal zu, mein Junge", sagt Mutter. "Vater und ich haben gestern Abend lange überlegt. X... ist wohl nicht groß, aber man kann nicht wissen, ob sie nicht jetzt, wo die Front näher kommt, auch auf diese Stadt Bomben werfen werden. Wir wollen Oma zu uns holen. Hier bei uns wird es vielleicht nicht so schlimm werden. So meint Vater. Ich fürchte, es wird überall schlimm sein. Aber Oma soll zu uns kommen."

"Und was hat das mit meinem Fahrrad zu tun?", will Frederik wissen. "Soll Oma sich etwa hinten auf den Gepäckträger setzen? Das Bild möchte ich sehen! Vater mit Oma auf dem Fahrrad!"

"Nicht Vater! Du! Und Oma nicht auf dem Fahrrad! Oma auf der Karre!" Mutter schaute Frederik bittend an.

"Unsere Oma auf der Karre? Und ich auf dem Fahrrad? Das gibt es doch wohl nicht! Und warum eigentlich? Oma kann doch mit dem Zug kommen! Oder sie kann die paar Kilometer auch zu Fuß gehen; das hat sie doch immer getan, wenn sie zum Wursten zu uns kam!"

"Wegen der Tiefflieger fahren keine Züge mehr, es ist zu gefährlich. Seit der Krankheit vor einem halben Jahr fällt Oma das Gehen sehr schwer, bei jedem Schritt hat sie Schmerzen. Tu es bitte!"

Frederik muß an die Rikschas in Japan denken. In der Erdkundestunde hat der Lehrer davon ein Bild gezeigt. Ja, in Japan würde er nicht auffallen, würde niemand darüber sprechen. Aber hier! Er kann sich vorstellen, was sie sagen werden. Wie sie ihre Witze machen werden, wie sie über ihn lachen werden. Sie werden immer dann mit seiner Oma auf der Karre hinter seinem Fahrrad kommen, wenn sie ihn anders nicht packen können. Nein, das darf er sich nicht antun! Er auf dem Fahrrad und Oma hinter sich in der Karre! Nein, das paßt nicht zu einem Jungen, und zu ihm schon gar nicht! Sicherlich, es wäre schon eine mutige Tat, so etwas zu tun. Es wäre schon etwas, was nicht jeder tun würde! Aber das würden die nicht verstehen! Und gegen ihr Gelächter wäre er sehr hilflos, davor hat er Angst. Er könnte dann seine Fäuste nehmen. Aber sie würden hinter seinem Rücken weiter reden und lachen. Das könnte er nicht ertragen! Damit könnte er nicht leben!

Nein! Nein, es kann nicht sein! Das kann ihm keiner zumuten! Das kann auch seine Mutter nicht von ihm verlangen!

"Warum ich? Warum nicht Hendrik?" Frederik schaut seine Mutter dabei nicht an. Er weiß, daß er für sie immer der große Junge ist. Er weiß, daß seine Mutter auf ihn besonders stolz ist. Er kennt den Klang in ihrer Stimme, wenn sie in einem Gespräch mit jemanden sagt: Unser Frederik! Aber diesmal? Nein! Diesmal nicht!

"Du bist stärker als Hendrik. Und du wirst dir zu helfen wissen, wenn etwas passieren sollte. Nein, Hendrik nicht! Er kann das nicht!"

"Ich auch nicht! Bestellt doch ein Taxi!"

"Ein Taxi kostet viel Geld. Und du weißt, daß die Jabos auf jedes Auto schießen!"

"Dann soll Vater selber fahren!"

"Red nicht so! Schluß jetzt damit! Du fährst!"

"Nein, ich tu es nicht!" Frederik nimmt seine Urkunde. Ehrenurkunde! Sonst hat er sie sogleich auch Vater gezeigt. Er legt sie oben auf den Küchenschrank zu den Zeitungen. 

Hendrik kommt die Treppe herunter. "Wenn ich von meiner Urkunde unten und an der Seite etwas abschneide, paßt sie hinein. Es wäre ja schön, wenn eine Glasscheibe davor wäre; aber die hat jemand zertreten. Ein Stück der gerissenen Mistbeetscheibe steht noch hinten im Garten an der Hecke. Wir haben doch einen Glasschneider."

Mutter gibt keine Antwort; mit einem Lappen putzt sie über die Herdplatte. Frederik holt seinen Tornister, sucht nach Lineal und Griffeldose. In der Schublade des Küchentisches liegt die Schere.

"Wo soll ich meine Urkunde aufhängen? Hier in der Küche? Oder im Flur?"

Mutter nimmt das Kopftuch ab und öffnet die Schleife ihrer Schürze. 

"Hendrik, hör mir mal zu! Würdest du Oma von X.. zu uns holen?" Und Mutter erklärt ihm das mit dem Fahrrad und der Handkarre. Sie sagt ihm auch, daß sie Frederik schon gefragt habe. "Vater bindet die Karre dann an dein Fahrrad."

"Nein! Ich tu das auch nicht!"

"Muttersöhnchen", hatten sie gesagt. Was würden sie dann sagen: "Omasöhnchen? Omakindchen?"

"Hendrik, bitte!"

Nein! Er werde ihnen erzählen, was er von der Spitze des Birnbaumes aus alles gesehen habe. Sogar bis dort, wo die Front sei, habe er sehen können. Dabei habe der Baumwipfel durch den Wind ganz gewaltig geschwankt.

Aber daran würden die nicht denken, wenn die ihn so mit seiner Oma sähen! Oma im Wagen, er mit dem Fahrrad davor!

"Nein!" Hendrik schaut auf seine Urkunde. Nur ein Punkt weniger und er wäre kein Sieger mehr. Aber diesen einen Punkt hat er geschafft.

Den ganzen Nachmittag lassen sich Hendrik und Frederik in der Küche nicht blicken. Vater schaut hin und wieder zur Ley hinüber, ob er sie noch sehen kann. Dort haben sie mit Steinen, trockenen Ästen und Lehm von den Maufwurfshaufen quer duch den Graben einen richtigen Staudamm gebaut. Wie kann man hier ein Wasserrad einbauen? Mit einem Fahrraddynamo könnte man vielleicht so Strom erzeugen. 

Vater hat das Gespann aus Fahrrad und Handwagen auf die Diele neben die Dreschmaschine geschoben. Er könnte auch Hektor vor die Karre spannen. Aber auf Pferdefahrzeuge hatten die auch schon geschossen. 

Während des Abendessens sind Mutter und Vater sehr schweigsam. Lena und Hanna kichern wir immer. Sonst läßt Mutter sie gewähren. 

"Nun seid doch endlich mal still!"

Sie kann heute ihre Albernheiten nicht ertragen. Gottseidank wissen ihre beiden Kleinen nicht, welche Angst die Eltern vor dem haben, was in den nächsten Wochen sein wird. Traurigkeit und Mitleid überkommt sie. Sonst vergaß sie ihre Sorgen, wenn sie das unbekümmerte Lachen ihrer Mädchen hörte. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Wie wird es sein? Wird alles wieder einmal so sein, wie es war? Und Frederik und Hendrik? Haben auch sie Angst? Oder ist es für sie ein spannendes Abenteuer, worüber Vater und Mutter mit den Nachbarn seit Monaten nur noch sprechen?
 

Nun aber auch noch einige Bilder "aus der Heimat" von gestern!


 


 


 


 


 


 

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